Me, Myself, and I

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Als finster gilt es gemeinhin, das Mittelalter. Dabei war das damalige Leben innerhalb der dicken Stadtmauern aus heutiger Perspektive, welche auf ‚verdichtetes‘ Wohnen, gute Durchmischung, kurze Arbeitswege oder gar ‚Home-Office‘ setzt, geradezu idealtypisch. Es wurde im selben Raum gearbeitet, gegessen und geschlafen, alle packten an, wo die Arbeit anfiel und sogar das Bett – oft gab es nur eins – wurde geteilt, meist auch mit den im selben Haushalt lebenden Mägden und Knechten. Selbst aus feministischer Sicht war das Mittelalter irgendwie ein Paradies: Die Frauen waren selbstredend zu 100% in die Erwerbstätigkeit eingebunden (die ja eben sozusagen im eigenen Wohnzimmer stattfand) und sie trugen dieselbe geschlechtsunspezifische Kleidung wie Männer, lange Gewänder. Die zahlreichen Kinder wuchsen so nebenbei mit auf und mussten bei der Arbeit selbstverständlich mithelfen. Über die Jahrhunderte kam die Ausdifferenzierung von so ziemlich allem, zumindest in den oberen Gesellschaftsschichten. Nicht nur die Kleidung wurde geschlechtsspezifisch, sondern auch die ‚Domäne‘ des Hauses, nämlich das Reich der ‚repräsentierenden‘ Frau, welche die Kinder erzog und des in die Welt hinausgehenden Mannes. Private, intime und öffentliche Räume entstanden, dann die Funktionentrennung von Arbeit und Wohnen auf dem Massstab der Stadt und der Region. Irgendwann kam die ‚Kleinfamilie‘ in Mode, die Generationen wohnten schon lange nicht mehr unter einem Dach, geschweige denn in einem Bett, sondern weitherum verstreut. In unserer modernen Individualgesellschaft leben immer mehr Menschen auf meist ansehnlich vielen Quadratmetern alleine, Freunde sind die neue Familie. Zeitgenössische Trendgurus sprechen von ‚Cocooning‘, ungefähr zu übersetzen mit ’sich-zu-Hause-einmummeln‘ und davon, dass das Schlafzimmer mit dem integrierten Spa-Badezimmer zum ultraprivaten Rückzugs- und Meditationsort wird. Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk, u.a. Verfasser der monumentalen Trilogie „Blasen, Globen, Schäume“, benutzte dafür in den frühen Nullerjahren die Metapher des Schaums: Der vollkommen auf sich selbst bezogene Mensch lebt in einer Blase im Schaum und teilt sich lediglich noch die Zellenwand mit seinem Nachbarn (immerhin, man ’stützt‘ sich gegenseitig, meine Blase kann nicht ohne deine existieren). Im Prinzip stehen diesem autoerotischen (T)Raum im Schaum zwei Dinge entgegen: Die sich anbahnende Umweltkatastrophe, für die es einige wissenschaftliche Evidenz gibt (Stichworte etwa: Klimaerwärmung, Ressourcenendlichkeit) und das, was wir gemeinhin ‚Gesellschaftsvertrag‘ nennen (Stichworte etwa: Überalterung, Migration). Nun ist der moderne Mensch im Allgemeinen sehr technologiegläubig und so versuchen wir auf alle Probleme technische Antworten zu finden. Von ‚Verdichtung‘ wird da allenthalben gesprochen, ’neue Wohnformen‘, die es zu entwerfen gäbe, ‚effiziente Gebäudehüllen‘, die man entwickeln müsse und ’schadstofffreie Autos‘, die zu produzieren wären. Aber eigentlich geht es um soziale Probleme – also schlicht und einfach um die Frage, wie wir zusammenleben wollen. Dazu gehört natürlich die intensive Selbstbefragung, was der und die Einzelne denn so zu dieser Gemeinschaft beizutragen gedenke. Das ist eine ausgezeichnete Gelegenheit, Sie auf die Veranstaltung „DAHEIM in der Metropole Schweiz“ vom 24. Oktober 2016 in der Telli-Überbauung in Aarau aufmerksam zu machen, an welcher genau diese Fragestellungen erörtert werden http://www.metropole-ch.ch/. Übrigens, apropos Zusammenleben: man sagt, der Lärm von heute – resp. die weitverbreiteten Klagen und Streitereien darüber – ist, was im Mittelalter der Gestank war.

Fabienne Hoelzel

Kolumne „Me, Myself, and I“

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