Olympische Stadtentwicklung

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Olympische Stadtentwicklung

Es ist wieder soweit – Olympia! In den nächsten Wochen werden mehr als 17,000 Athleten und Athletinnen im wunderschönen Rio de Janeiro um Medaillenränge und Bestzeiten kämpfen. 206 Nationen mussten hierfür Hunderte Tonnen an Material in die zweitgrösste brasilianische Stadt transportieren lassen. Seit sieben Jahren bereitet sich Rio de Janeiro auf diesen Anlass vor, für Brasilien ist es bereits der zweite sportliche Grossanlass innerhalb von nur zwei Jahren. 2014 fand die Fussballmeisterschaft im grössten Land Südamerikas statt, das Finale ebenfalls in Rio. Auch die Kritik ist gross. Während die korrupte Bauindustrie Milliarden verdient hat, wird die Mehrheit der Bewohner und Bewohnerinnen von den olympischen Spielen nichts mit- und abbekommen: 30 Prozent der Bevölkerung leben in Favelas hinter den grossen Hügeln im Norden der Stadt, wo kaum je ein Besucher oder eine Besucherin hinkommt. Mittel- und langfristig dürfte Rio zwar von den neu erstellten Strassen, Schnellbusverbindungen und der neuen Metro profitieren, und die Austragung von Olympia war auch der Auslöser, die dringend benötigte Hafensanierung an die Hand zu nehmen. Das vorher kaum zugängliche und als gefährlich geltende Gebiet ist nun zu einer Fussgängerpromenade mit Tram und glitzernden Neubauten umgestaltet worden. Gegen solche Projekte könnte man kaum etwas haben, wenn man sie im Detail vielleicht auch besser hätte umsetzen können. Die Fernsehkameras werden unablässig den Zuckerhut und den Christo Redentor zeigen, dazu Menschen, die ausgelassen an der Copacabana tanzen, dem schönsten Strand der Welt. Ja, das ist schön, nur leider lagern hinter der Kulisse gewaltige Probleme – soziale Spannungen, Armut und Umweltverschmutzung. Man wünschte sich, die Stadtregierung von Rio hätte ihre Energie in den letzten sieben Jahren in die Bewältigung dieser Herausforderungen gesteckt. Olympia hat dazu wenig beigetragen, im Gegenteil, viele Probleme haben sich verschärft. Nun sind diese Erkenntnisse wahrlich nicht neu, immer wieder tauchen Missstände im Vorfeld solcher Sportgrossanlässe auf. Es gilt mittlerweile als erwiesen, dass deren Austragung der Stadtentwicklung mehr schadet als nützt. Und trotzdem ist die Euphorie ungebrochen, auch die Schweiz will sich erneut bewerben, diesmal für die olympischen Winterspiele 2026. Gleich zwei Kantone, Waadt und Graubünden, zeigen Interesse – trotz der Problematik solcher Grossanlässe, in deren Vorfeld die Bevölkerung jahrelang Grossbaustellen ertragen muss, damit dann während drei oder vier Wochen Horden von Sportlerinnen, Athleten, Journalistinnen und Funktionäre wie Heuschrecken über die Region herfallen. Es wäre an der Zeit, ein anderes Konzept zu entwickeln!

Eine Lösung wären permanente Austragungsorte, vielleicht je zwei für die Winter- und Sommerspiele und je zwei für die Fussballweltmeisterschaften. Die olympischen Winterspiele könnten z.B. immer in Norwegen stattfinden, vielleicht alternierend mit Österreich oder Kanada, währenddessen die Sommerspiele immer in Griechenland und vielleicht in den USA oder China ausgetragen werden könnten. Für die Fussballweltmeisterschaften wäre natürlich Brasilien prädestiniert, alternierend mit Südafrika – beide Länder verfügen nun schliesslich über eine Unmenge an Stadien für solche Zwecke. Die Länder der permanenten Austragungsorte könnten dazu jeweils zwei Gastnationen einladen, die als Schirmherrinnen das Motto bestimmen sowie die Eröffnungs- resp. die Abschlussveranstaltungen organisieren dürften. Dies könnte man sogleich für diplomatische Zwecke nutzen. Die Gastnationen könnten nach dem Kriterium der politischen Spannungen ausgewählt werden, um dann ganz im Spirit der olympischen Idee Frieden und völkerübergreifende Verständigung zu fördern. Für die gemeine Fernsehzuschauerin und den gemeinen Fernsehzuschauer zu Hause auf dem Sofa ist es hingegen nicht von Belang, wo die Athletinnen ihre Bahnen ziehen resp. Sportler ihre Tore schiessen, da diese sowieso normiert sind – Olympiamasse resp. FIFA-Standard! Das Geld, das fortan gespart würde – nur die Erarbeitung des Konzepts für die Kandidatur Graubündens für Olympia 2026 soll den Kanton 400,000 Franken kosten – könnte nun von den entsprechenden Regierungen für richtige Stadtentwicklungen genutzt werden. Eine klassische Win-Win-Situation!

Fabienne Hoelzel

Kolumne Olympische Stadtentwicklung (download)

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