Stadt passiert woanders

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Jedes Land leistet sich seine Folklore, Gags und Besonderheiten. Im Falle der Schweiz kündigen sich diese prominent über die Lautsprecher in der Zürcher Flughafenbahn bei Abfahrt oder Ankunft im Terminal E an: Mit dem Muhen von Kühen und dem Läuten ihrer Halsglocken, herzhaft begleitet von Jodelklängen und Juchzern. Man bzw. frau wähnt sich nicht etwa in einer Metropole – immerhin der grössten Schweizer Stadt! – sondern irgendwo auf der Kuhweide, buchstäblich. Dass diese Assoziation gar nicht so falsch ist, bewies vor wenigen Tagen die grosse Kammer unseres Parlaments, der Nationalrat. Dieser gedenkt nämlich, unseren Bauern und Bäuerinnen grosszügige Steuergeschenke zu machen. Unglaubliche 400 Millionen Schweizer Franken könnten damit in Zukunft dem Bund an Einnahmen entgehen, und dies, weil die Bauern und Bäuerinnen auf Gewinne durch Wertsteigerungen aus dem Verkauf von Baulandreserven keine Einkommenssteuern zahlen wollen. Ein mittlerer Skandal, unterhält doch die Schweiz bereits eine hochsubventionierte Landwirtschaft, die uns jährlich Milliarden kostet. Sparen wir also lieber woanders, beispielsweise in der Raumplanung, in den Agglomerationen etwa, gerne auch in der Bildung, bei der Kinderbetreuung, bei den Tagesschulen oder beim Vaterschaftsurlaub. Hauptsache sparen! Schliesslich müssen wir demnächst auch noch eine zweite Gotthardröhre für 3 Milliarden finanzieren. Politik mag Interessensvertretung sein und ja, Politikerinnen und Politiker müssen in kurzen Abständen immer mal wieder gewählt werden. Politik wäre allerdings in erster Linie als Leistung zu verstehen, durch welche das Land gestaltet und für die Zukunft fit gemacht würde, um es etwas salopp im Sportlerjargon zu formulieren. Übrigens, Politik bedeutet aus dem Griechischen übersetzt „Dinge, die die Stadt betreffen“. Nicht in der Schweiz. Hier dominieren ländliche Interessen die Politik, womit sich der Kreis schliesst: Die Kühe muhen am Flughafen Zürich völlig zu recht. Stadt passiert irgendwo anders. Gestaltet wird sie auch lieber nicht, dafür zersiedeln wir lieber die Landschaft. Muh!

 Fabienne Hoelzel

Kolumne „Stadt passiert woanders“

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