Zweispuriger Alpenschutz

Wir Schweizerinnen und Schweizer sind ein Volk mit Sinn für Humor und Ironie. Der Beweis? Demnächst werden wir nämlich darüber abstimmen, ob wir eine zweite, zweispurige Gotthardröhre bauen wollen, nur damit die erste, bestehende, zweispurige Gotthardröhre saniert werden kann. Wenn dann nach dem Bau der zweiten, zweispurigen Röhre und der Sanierung der ersten, zweispurigen Röhre beide Röhren zur Verfügung stehen, dann sollen diese nur je einspurig befahren werden. Wer hat’s also erfunden, die Konstruktion zweier zweispuriger Tunnelröhren, die dereinst nur je einspurig befahren werden sollen? Wir Schweizerinnen und Schweizer! Warum sollen wir auch zweispurig fahren, wenn es auch einspurig geht – zumal noch im Doppelpack! Damit sind genügend Vorlagen für Kabarettprogramme und Werbespots zur Bekanntmachung der einheimischen Eigenart bereitgestellt, ungefähr ab dem Jahre 2040 oder so. Pessimistinnen unter uns werden argwöhnen, dass, wenn dann diese zweite Spur, genau genommen, zwei zweite Spuren zur Verfügung stehen werden, diese dann auch befahren würden. Optimisten (und Technologiegläubige) werden einwenden, dass im Jahre 2040 oder so schon längst autonome Fahrzeuge unterwegs sein werden, betrieben mit Strom (wie dieser ’sauber‘ produziert werden soll, ist dann Gegenstand einer anderen Kolumne), so dass der Alpenschutz sowieso gewährleistet sei. Und um diesen ginge es ja im Übrigen: Vor 22 Jahren, Ende Februar 1994, hat das Stimmvolk damals überraschend mit 52% der Stimmen (und einer Mehrheit der Stände) die sogenannte Alpen-Initiative angenommen. Im Art. 84 der Bundesverfassung steht seither, dass die Transitstrassen-Kapazität im Alpengebiet nicht erhöht und der alpenquerende Gütertransit auf die Schiene verlegt werden soll. Dass der Bau einer zweiten Gotthardröhre verfassungswidrig ist, wäre damit bewiesen. Da helfen auch die einspurig befahrenen Doppelspuren nicht weiter. Im politischen und sonstigen Tagesgeschäft ist es so eine Sache, langfristige Vorhaben zu planen und umzusetzen sowie in weitsichtigen, grossen, ja, mutigen, Linien zu denken und vor allem: zu handeln. Wenn es schon beim Alpenschutz hapert, so hoffe ich, dass Ihre Neujahrsvorsätze ein bisschen länger als bis zum Abstimmungssonntag reichen.

Fabienne Hoelzel

Kolumne „Zweispuriger Alpenschutz“

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