Politik des Konsums

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Vor wenigen Tagen meinte die deutsche BWL-Professorin Evi Hartmann im jetzt Magazin der Süddeutschen Zeitung: „Ich trage Kleidung, besitze ein Smartphone und fahre Auto. Das sind ungefähr 60 Sklaven, die derzeit für mich arbeiten, ob ich das möchte oder nicht.“ Das Gespräch fand anlässlich des Erscheinens ihres neuen Buches mit dem Titel „Wie viele Sklaven halten Sie?“ statt. Lassen Sie doch bei nächster Gelegenheit, also etwa beim morgigen Feierabendeinkauf fürs bevorstehende Z’nacht, slaveryfootprint.org ausrechnen, wie viele Sklavinnen und Sklaven in die Fertigung der Produkte Ihrer Wahl involviert sind. Bei mir, als nicht-autofahrende, vegetarisch lebende Zürcher Innenstädterin mit Sommer-Vespa, waren es immerhin noch 35 Sklavinnen und Sklaven. Besagter Sklavinnenrechner ist gewiss etwas makaber, öffnet aber eindrücklich die Augen für die Zusammenhänge der globalisierten (Billig-) Produktion. Denn: je günstiger ein Produkt produziert respektive, verkauft wird, umso grösser sind die Chancen, dass Menschen unter erbärmlichen Umständen – sozial und ökologisch – an deren Herstellung beteiligt waren. Darunter versteht man Menschen, die in den Minen Afrikas von Hand nach Mineralien schürfen oder Arbeiterinnen und Arbeiter, die für 60 oder 70 Rappen pro Stunde bei grosser Hitze und ohne jede Pause durcharbeiten müssen, oft unter Androhung von Strafe bei Missachtung der „Regeln“. Da kann einem schon mal der Appetit auf die günstigen Crevettli oder die Lust auf ein neues Blazerli von H&M vergehen. Jenen, die bereits biologisch und „fair“ einkaufen, hilft ein WWF-Online-Label-Ratgeber (http://www.wwf.ch/de/aktiv/besser_leben/ratgeber/lebensmittellabels/) alle gängigen, in der Schweiz erhältlichen Bio- und Fair-Trade-Labels, inkl. Non-Food-Labels bezüglich ihrer Wirksamkeit und Versprechen besser einzuordnen, von „ausgezeichnet“ bis „bedingt empfehlenswert“. Sie finden es fürchterlich anstrengend, sich bei jedem Produkt, das uns in den prall gefüllten Lebensmittelregalen und Kleiderständern verführerisch anlächelt, Gedanken zur Wertschöpfungskette zu machen, zumal Sie ja viel beschäftigt sind? Konsum ist eine politische Handlung, die wir tagtäglich, bewusst oder unbewusst, gewollt oder ungewollt, vollziehen. Sie mögen keine weltumspannenden Grosskonzerne, die Steuern „optimieren“ und wollen erfinderisches Jungunternehmertum unterstützen? Kaufen Sie ein Fairphone. Sie wollen Bäuerinnen und Bauern in armen Ländern unterstützen und sind für eine nachhaltige Landwirtschaft? Essen Sie Demeter-Bananen. Sie verachten Nestlé für seine Praktiken und George Clooney geht Ihnen auf die Nerven? Trinken Sie wilden, handgepflückten Bonga-Red-Mountain-Kaffee aus Äthiopien, bio, fairtrade und in Kapseln erhältlich. Ihnen ist Tierquälerei ein Graus und Sie wollen ruralen Gemeinschaften ein Einkommen ermöglichen? Verschenken Sie einen handgewebten, GOTS-zertifizierten Schal aus Peru. Es ist ziemlich cool, die Welt jeden Tag ein bisschen zu retten, so ganz nebenbei, und Sie sehen dabei erst noch besser aus. So ein iPhone hat schliesslich jede und jeder – ziemlich unsexy!

Fabienne Hoelzel

 

Kolumne „Politik des Konsums“

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